NEUMARKT. Die SPD-Landtagsabgeordnete Nicole Bäumler besuchte am vergangenen Donnerstag das Berufliche Schulzentrum und den Arzneimittelhersteller Bionorica. Im Rahmen des Neumarkter Bürgerdialogs diskutierte Sie mit Bürgerinnen und Bürgern zum Thema gute Bildung und Bildungsgerechtigkeit.
Dass gute Bildung nicht nur an Gymnasium und Universität möglich ist, weiß Nicole Bäumler aus eigener Erfahrung: Bis zu ihrem Einzug in den bayerischen Landtag im vergangenen Jahr arbeitete die ausgebildete Gymnasiallehrerin am Beruflichen Schulzentrum Schwandorf. Daher freute sich Bäumler ganz besonders auf die erste Station Ihres Besuchs. Schulleiter Albert Hierl gewährte Einblicke hinter die Klassentüren der Neumarkter Berufsschule, die im vergangenen Sommer ihr 150-jähriges Bestehen feiern konnte.
Erste deutsche Fachschule für KI
So erfuhr Bäumler, dass Neumarkt jüngst zum Standort der ersten Fachschule für Künstliche Intelligenz in Deutschland auserkoren wurde. Hierl, der das Schulzentrum bereits seit 38 Jahren leitet, ist dabei besonders stolz auf die internationale Vernetzung, zu der auch ein Schüleraustauschprogramm mit dem Technical Institute of Singapore gehört. Besonders wichtig ist ihm dabei der Fokus auf die Anwendung von KI: „Das Programm soll für alle am Schulzentrum ausgebildeten Berufsgruppen geöffnet werden, da das Thema in Zukunft für alle Beruft relevant ist“, betonte Hierl.
Personalmangel an berufsbildenden Schulen
Gleichzeitig gab er der Abgeordneten mit auf den Weg, dass die Schule mit großen Herausforderungen konfrontiert sei, insbesondere in den Berufsvorbereitungsklassen, für die es zu wenig Personal und Räumlichkeiten gebe und durch den hohen Anteil an Migranten immense Sprachbarrieren bestünden. Bäumler kritisierte vor diesem Hintergrund die bürokratischen Hürden bei der Einstellung von Lehrern an den Berufsschulen, die es verhinderten, dass talentierte junge Lehrkräfte ohne zeit- und kostenintensive Vorbereitungsmaßnahmen übernommen werden könnten.
Hochtechnologie in der Ausbildung
Mit welchen technischen Entwicklungen junge Berufsanfänger sich in ihrer Ausbildung auseinandersetzen, konnte die Sozialdemokratin bei der nahegelegenen Bionorica SE erfahren. Während der Besichtigung der modernen Produktionsstätten, die durch den Neumarkter SPD-Stadtrat Günther Stagat organisiert worden war, tauschte sie sich mit dem Ausbildungsleiter des Neumarkter Arneimittelherstellers, Thomas Stiegler, über die komplexen Anforderungen aus, die sowohl an die Ausbildungsbetriebe als auch die Auszubildenden gestellt werden.
Plädoyer für künstlerische und musische Fächer
Im Rahmen des Neumarkter Bürgerdialogs referierte Nicole Bäumler dann am Abend über die Erfahrungen, die sie in einem Jahr Bildungspolitik im Münchener Maximilianeum gemacht hat. Harte Kritik äußerte sie dabei vor allem an Ministerpräsident Marcus Söder, der über den Kopf von Kultusministerin Anna Stolz ein Genderverbot an Bayerns Schulen erlassen habe und an der Grundschule drei Stunden Religion pro Woche durchsetzte, obwohl dafür gar nicht genug Lehrpersonal an den Schule vorhanden sei. Fatal findet Bäumler den Ansatz der Landesregierung, statt beim Religionsunterricht bei der Fachkombination Kunst, Musik und Werken den Rotstift anzusetzen. „Kinder reicher Eltern können das außerschulisch nachholen, Kinder aus armen Verhältnissen können das nicht“, kritisierte Bäumler und kam damit auf Ihr Herzensthema zu sprechen, die Bildungsgerechtigkeit.
Schlusslicht Bayern
„Bayern ist hier Schlusslicht in Deutschland, der Bildungserfolg hängt in unserem Bundesland ganz besonders von Finanzen und Bildungshintergrund der Eltern ab“, betonte sie. Zur Bildungsgerechtigkeit gehöre aber auch, dass allen Schülern ein gutes Lernumfeld mit guter digitaler Ausstattung angeboten werden könne, egal ob in reichen oder ärmeren Kommunen. Hier sieht sie besonders das Land Bayern in der Pflicht, finanzschwachen Kommunen unter die Arme zu greifen. Es könne nicht sein, dass die Qualität des Unterrichts davon abhänge, wie gut die Anbindung der Schulen ans Internet funktioniere.
Länger gemeinsam unterrichten
Verbesserungspotenzial sieht Bäumler auch beim dreigliedrigen Schulsystem. Insbesondere fordert sie eine längere Zeit des gemeinsamen Lernens: „Im Alter von 10 Jahren weiß niemand, wie sich das Potenzial eines Kindes entwickeln wird“, sagte sie und verwies auf das Schweizer Schulsystem, bei dem Schülerinnen und Schüler bis zur 9. Klasse gemeinsam unterrichtet werden. „Der Schulübertritt in Bayern ist maximal schlecht gestaltet“, bemängelte Bäumler vor allem das sogenannte Grundschulabitur und den damit einhergehenden Schulstress für Kinder und Eltern.
Unangekündigte Tests: falscher Fokus
Wenig zielführend erachtet sie zudem das Festhalten an unangekündigten Abfragen und Tests: „Unangekündigte Klausuren gibt es nicht einmal an den Universitäten.“ Viel dringender ist ihr die Beseitigung des hausgemachten Lehrermangels. Junge Lehrer würden in Bayern mit befristeten Verträgen und unbezahlten Ferien vergrault, sagte Bäumler und forderte mehr Schulpersonal in Form von Lehrkräften, Sozialarbeitern, Schulpsychologen, Informationstechnikern und Verwaltungsangestellten.
Nicole Bäumlers Besuch in Neumarkt verdeutlicht: Es gibt viel Potenzial im Themenfeld Bildung in Bayern, das es gegen die Widerstände aus den Reihen der Landesregierung zu heben gilt.